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Ihr seid neugierig, warum wir gerne den Preis gewinnen wollen?

Dann lest gern unser Bewerbungsschreiben, welches unsere tägliche Arbeit ziemlich gut beschreibt und zeigt, was das Koboldland mit seinem Team um Andreas Warschau täglich über den normalen Kitaalltag hinaus mit den Kindern erlebt.

Einfach leben!

Diese zwei Wörter sagen für uns schon fast alles. Nicht erst seit der Corona-Pandemie, aber jetzt erst recht. Wir haben in den vergangenen Monaten viele Dinge schätzen gelernt, die uns selbstverständlich schienen, auf die wir aber über lange Zeit verzichten mussten: Dass Kinder im Haus und im Garten sich frei bewegen können, dass der Austausch zwischen den Erziehern und Erzieherinnen bereichsübergreifend stattfindet, dass wir uns in der realen Begegnung austauschen und streiten können. Jetzt holen wir tief Luft und holen uns das einfache Leben wieder zurück. Und leben einfach. Nicht in den Tag hinein, aber wir genießen die Tage.

Kindorientierung

Zugegeben: wir sind etwas skeptisch gegenüber Ritualen. Einerseits verleihen sie Sicherheit und Struktur, andererseits haben wir die Erfahrung gemacht, dass Rituale auch erstarren und zur sinnentleerten Pflicht werden können. Einerseits erfahren wir, dass Kinder selbst Rituale und Alltagsroutinen einfordern. Andererseits erleben wir: je flexibler wir den Alltag gestalten, umso mehr denken die Kinder selbst mit und bringen sich ein. Eine Kollegin sagte: sie sind nicht mehr so „roboterhaft“. In der Krippe benötigen wir mehr feste Strukturen. Was wir hier geändert haben: auch die Krippenkinder bringen und holen das Essen und das Geschirr aus der Küche. So lernen sie, dass es nicht einfach so aus dem Nichts plötzlich auf dem Tisch steht. Ein Ritual ist auch die Verteilung der Dienste am Wochenanfang: Tischdienst, Hasendienst, Garderobendienst, Blumendienst…

Aber seit es nicht mehr so starr ist, ist es entspannter, und auch die Kinder, die sich nicht gemeldet haben, dürfen im Laufe der Woche mitmachen. Zentrale Säule unserer pädagogischen Arbeit ist die Ermöglichung eines selbstbestimmten Alltages. Die Kinder können sich zwischen den Gruppen und den verschiedenen Spielplätzen unserer Einrichtung frei entscheiden. Wir ermutigen sie zu – teils zeitaufwändigen – Aushandlungsprozessen. Unser pädagogischer Ansatz ist grundsätzlich situativ, fest geplante Angebote gibt es wenige. Unser Team lebt von der Verschiedenartigkeit der Erzieher und Erzieherinnen, und wir geben in unserem offenen Konzept den Kindern die Möglichkeit, sich mit den verschiedenen Erzieherpersönlichkeiten auseinanderzusetzen.

Die Kinder können selbst bestimmen, was mit ihren Arbeiten passiert: ob sie sie mit nach Hause nehmen, in der Kita ausstellen wollen oder sie wieder zerstören. Ganz wichtig: Fehler dürfen gemacht werden. Kinder werden ermutigt und angeleitet, Konflikte selbst zu lösen. Dinge dürfen zweckentfremdet werden. In gewisser Weise herrscht bei uns ein kreatives Chaos, aus dem überraschende Dinge entstehen dürfen, von deren Zweck und Sinn wir Erwachsene manchmal nur eine entfernte Ahnung haben. Wir trauen den Kindern etwas zu, geben die Dinge aus der Hand und ermutigen Kinder, es selbst zu tun. Unser riesiger wilder, unordentlicher Garten bietet alles, was Kinder brauchen, ganz ohne vorgefertigte Dinge aus dem Kindergarten-Katalog. Freitags ist „spielzeugfreier Tag“. Dafür treffen wir uns freitags meistens zum gemeinsamen Singen. Außerdem ist uns Gemeinschaft sehr wichtig: Gemeinsam Essen (auch so ein Ritual: immer mal freitags ein Lagerfeuer machen und Süppchen oder Stockbrot zubereiten), gemeinsam Singen, gemeinsame Ausflüge…

Kinder überraschen uns täglich: mit dem, was sie schon können, was für Fragen sie haben, womit sie sich auseinandersetzen. Als Natur-Kita spielen für uns die Kreisläufe des Lebens eine große Rolle, aber auch die Auseinandersetzung mit dem Vergänglichen. Andere sind überrascht über unsere Kinder, wie selbständig sie sind: Die Schulen im Stadtteil freuen sich immer über die selbständigen und sozialen Koboldland-Kinder.

Sozialraumorientierung

Wir sind privilegiert: Unser Einzugsgebiet ist bürgerlich und hat ein ausgeglichenes Sozialniveau. Der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in der Kita ist seit Jahren relativ stabil bei etwa 10 %. Wir können, im Vergleich zu Kitas in sozialen Brennpunkten, auf schwierigere Fälle ganz gut eingehen. Vielfalt ist uns selbst sehr wichtig – der Umgang mit verschiedenen Kulturen, verschiedenen Sprachen, verschiedenen Traditionen gehört für uns zum Alltag. Wir sind im Stadtteil ständig unterwegs, man kennt uns hier: durch die wöchentlichen Waldtage, die Besuche der Bibliothek, das sommerliche „Hellerauer Kinderfest“, die Zusammenarbeit mit den Schulen, das Einkaufen beim Bäcker oder im lokalen Blumenladen. Das erledigen wir alles ganz oft mit den Kindern gemeinsam. Wir versuchen, den Alltag zu leben. Kinder lernen im Alltäglichen: wenn wir Blumen kaufen, beschreibt die Verkäuferin die Blumen, die Kinder lernen die Namen und wie man sie pflegt.

Die Natur ist unser wichtigster Lernort: Einerseits gibt es bestimmte Regeln zu beachten, damit die Natur erhalten bleibt, damit es nicht zu Unfällen kommt, damit auch alle wieder gemeinsam „nach Hause“ in die Kita kommen. Wobei wir nicht dafür da sind, Gefahren von Kindern fernzuhalten, sondern wir versuchen, den Kindern beizubringen, wie sie mit Gefahren umgehen können. Andererseits bietet die Natur unendliche Möglichkeiten, das Leben zu erforschen, Freiräume zu erkunden, Grenzen auszutesten, sich zu bewegen, Dinge zu konstruieren, Unsicherheiten zu überwinden. Wir benötigen keine künstlich geschaffene Umgebung, um den gesamten Bildungsplan abzudecken.

Eine Familie in der Nachbarschaft hat Hühner, die von unseren Essensresten profitieren. Dafür bekommen wir zu Ostern ganz frische Eier. Wenn Hellerau und Klotzsche zu klein werden, fahren wir auch mit der Straßenbahn ein Stückchen weiter: zum Bauernhof nach Weixdorf, zum Flughafen oder an die Elbe. Mit der Bibliothek in Klotzsche arbeiten wir sehr eng zusammen. Es gibt einen Vorlese-Paten, der monatlich in die Kita kommt, oder die (Vorschul-)Kinder gehen in die Bibliothek. Zum Lesefest am Ende des Kindergartenjahres erhalten die Vorschulkinder einen eigenen Bibliotheks-Ausweis. Interessierten Eltern bieten wir einmal monatlich an, die Kita kennenzulernen. Da stellen wir unseren pädagogischen Ansatz vor und führen die Interessierten durch Haus und Hof. Ein Höhepunkt im Jahr ist unser weihnachtliches Lichterfest. Wir haben vor Jahren die Tradition begründet, in der Kita hergestellte „Lichter der Weihnacht“ im Stadtteil zu verteilen: Wir klingeln an Wohnungstüren und überbringen die frohe Botschaft denen, die öffnen. Anschließend trifft sich auf dem Hellerauer Markt die ganze Kindergarten-Gemeinschaft (Kinder, Erzieher*innen, Eltern und Angehörige) zum gemeinsamen Weihnachtsliedersingen.

Partizipation

Wir verbringen wahnsinnig viel Zeit mit Aushandlungsprozessen: Da es wenige in Stein gemeißelte Regeln gibt, wird immer alles hinterfragt. Das ist manchmal anstrengend, bringt uns aber auf Augenhöhe mit den Kindern. Kinder lernen auch, dass Pädagog*innen unterschiedlich sind. Wir versuchen, Individualität vorzuleben. Es gibt keinen absoluten, unabänderlichen Block von Gesetzen. Kinder erleben unsere Offenheit und Vielfältigkeit des Lebens und werden dadurch – hoffentlich – tolerant. Manchmal stoßen wir darauf, dass wir in einigen Dingen zu erwachsenenorientiert waren/sind, weil es uns als Erzieher das Leben einfacher machte. Zum Beispiel wäre es besser, wenn Kinder jeden Tag neu entscheiden dürfen, ob sie schlafen oder nur ruhen dürfen. Das ist im Moment noch durch feste Gruppen geregelt, deren Zusammensetzung sich in Abständen ändert. Aber schon die Entscheidung, wo die Kinder essen, die wir in den Bereichen den Kindern freistellen, erfordert schon viel Abstimmung. Hier sind wir noch auf der Suche, wie wir noch mehr Beteiligung der Kinder ermöglichen können.

Eine wichtige Dimension ist auch die Einbeziehung der Eltern. In dem Dreiecks-Verhältnis Kinder - Eltern – Erzieher. Manchmal ertappen wir uns dabei, wie wir die – vielleicht nur vermutete, oft aber auch aus Erfahrung gespeiste – Ansicht der Eltern bei Entscheidungen zum Alltag des Kindes vorweg antizipieren, um möglichen Ärger aus dem Weg zu gehen (Dauerthema „witterungsgerechte Kleidung“). Hier könnten wir manchmal noch mehr die Interessen der Kinder vertreten – die die Kinder selbst ja bei vielen Gelegenheiten deutlich äußern. 

Wir haben zum Glück eine durchaus engagierte Elternschaft, die uns auch bei vielen Dingen tatkräftig unterstützt. Über den Elternrat werden zeitnah auftretende Probleme oder Anliegen gegenüber der Leitung kommuniziert. Die Eltern unterstützen uns bei Arbeitseinsätzen, bei Ausflügen, der Landheimfahrt mit den Vorschulkindern oder der Organisation von Festen. Sie sind beim Vorlesetag dabei und laden die Kinder gelegentlich zu ihrer Arbeitsstelle oder zu sich nach Hause ein. Nicht zuletzt waren sie es, die uns für den Kita-Preis vorgeschlagen haben.

Lernende Organisation

Wenn schon ein Zug in der Naturkita, dann sind wir eine gemütliche Dampflok mit vielen Haltestellen unterwegs: wir besprechen vieles und dadurch dauert alles eine Weile. Jede Meinung zählt, manches endet dann auch mal auf einem Abstellgleis, oder das Gleis verläuft im Sande. Jeden Tag werden die Weichen neu gestellt, und manchmal kommt ein Zug nicht dort an, wo wir dachten. Wir haben keine Lust darauf, dass ein Stellwerk von außen unsere Weichen stellt, aber wir finden in unserem Trägerverein Omse e.V. und bei den Eltern, „nettes Zugpersonal“, das uns auf unserer Reise begleitet. Unsere Umwege empfinden wir oft als gerade schön. Unsere Stärke ist unsere Individualität, die Fähigkeit, die Stärken und Schwächen jedes einzelnen (Erzieher*in und Kind) zu akzeptieren und im Team auszugleichen. Wir haben ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und besitzen (meistens) die Fähigkeit, uns offen gegenseitig die Meinung zu sagen.

Unsere Vision ist die einer freien Gesellschaft, die bei Achtung der natürlichen Lebensgrundlagen und des sozialen Zusammenlebens die Freiheit und selbstbestimmte Entwicklung jedes Einzelnen (Kindes wie Erwachsenen) ermöglicht. Das versuchen wir in der Kita Koboldland einfach zu leben. 

Andreas Warschau

Von der Homepage des Preisstifters:

"Gute Qualität in Kitas wird durch die tägliche Arbeit von Fachkräften bestimmt, ist aber auch das Ergebnis eines verantwortungsvollen Zusammenwirkens von Trägern, kommunalen Akteuren und weiteren Einrichtungen.

Deshalb vergeben wir den Deutschen Kita-Preis in zwei Kategorien:

 

Kategorie „Kita des Jahres“

Der Preis geht an Kita-Teams, die gute Qualität kontinuierlich weiterentwickeln – im Zusammenspiel mit ihren Trägern, mit Eltern und mit Akteuren aus dem Umfeld der Kita. Jede Kita in Deutschland kann sich bewerben, denn bei der Bestimmung der Preisträger kommt es uns auch auf gute Prozesse und nicht ausschließlich auf gute Ergebnisse an.

Kategorie „Lokales Bündnis für frühe Bildung des Jahres“

Ausgezeichnet werden Zusammenschlüsse von Akteuren, die die Arbeit in Kitas unmittelbar unterstützen und Kinder in den Mittelpunkt stellen. Mitmachen kann jede lokale Initiative in Deutschland, die sich für gute Aufwachsbedingungen von Kita-Kindern einsetzt: Ob Projektverbünde, Bildungshäuser oder das sprichwörtliche ganze Dorf: Wir suchen nach Kooperationen, in denen verschiedene Institutionen gemeinsam die Strukturen der frühen Bildung auf kommunaler Ebene nachhaltig verändern wollen – damit Kita-Kinder besser spielen, lernen und die Welt entdecken können."

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